Im täglichen politischen Kampf vereinsamen manche Aktivisten – ein privater Rat

Ein Leser schreibt mir:
„Wir hatten schonmal vor jetzt zirka drei Jahren auf Facebook miteinander geschrieben. Bin aber seit Ende Dezember dort weg, wegen der neuen AGBs. Wir hatten uns damals über meine Tante unterhalten, dass ich mich mit ihr über ehrliche Politik und über Sie, Herr Hörstel, unterhielt. Habe auch immer von Ihnen die neuesten Interviews gezeigt. Darauf hin haben Sie meine Tante sehr nett gegrüßt. Jetzt zu meinem traurigen Anliegen:
Habe seit Frühjahr 2013 mit meinen Eltern, meinen Geschwistern  bzw. dem ganzen Rest der Familie Streit, eben wegen meiner politischen Einstellung, wie viele auf Ihrer Seite. Eigentlich habe ich alle verloren, außer  bis  vor kurzem meine Tante. Ich hatte ihr über 1 Jahr, schön sauber Ihre Beiträge usw. zu Papier gebracht, dazu auch andere Quellen, die ich seit 12 Jahren mitverfolge. Hatte das letzte Dokument per Papier mit 41 Seiten gestern zu ihr gebracht, in den Briefkasten geworfen – und bekomme von meinem hasserfüllten Vater, auch vermutlich im Auftrag meiner Mutter, einen Zettel in meinen Briefkasten, mit folgendem Inhalt: Lass Tante F.  in Frieden mit deinen Sachen. Sie fühlt sich belästigt und es nervt.
Unfassbar. Ich bin sowas von schockiert. Ich werde von den meisten Menschen als Spinner, als total Durchgeknallter abgestempelt – ohne Ende. Habe jetzt zu bis zu 20 Freunden + Familie  den Kontakt verloren. Ich bin also nun ziemlich enttäuscht und weiß auch nicht mehr weiter. Irgendwie wie ein Alptraum. Da fragt man sich, liegt es an mir – oder keine Ahnung. Bin traurig und sowas von betroffen. Tiefer Hass begegnet mir seitdem. Vielleicht haben Sie eine Lösung was ich tun kann. Und es erschreckt mich auch, wie die meisten auf Ihrer Seite, dass die meisten Menschen da draußen nicht wach werden wollen, über Andersdenkende lachen und sie fertigmachen. Meine Eltern z.B. wollen mit mir NIE mehr etwas zutun haben. Meine eigene Mutter und Vater. Es tut unglaublich weh. Habe das Gefühl, dass diese Menschen auf einem völlig anderen Planeten leben als ich.“
Meine Antwort:
Das ist ein Test des Schicksals – oder, wenn Sie gläubig sind, ein Test Gottes. Ein alte Amerikanerin, die viel erlebt hatte, sagte einmal im TV: ‚Es ist nicht entscheidend, welche Schicksalsschläge jemand erdulden muss, sondern, was sie/er daraus macht.‘ Der entscheidende Fehler Ihrerseits war vermutlich, auf einen Schlag 40 Seiten zu versenden: Vielleicht haben Sie zu sehr darauf geschaut, ob Ihre Tante das „schluckt“ – und nicht, ob sie von sich aus noch mehr haben will. Und erst im letzteren Fall wären die Zusendungen fortzusetzen. Mein Vorschlag: Bei Ihrer Tante melden, sich entschuldigen – und ihr sagen, dass Sie sich einen guten Kontakt ohne schwierige Polit-Infos wünschen. Und dann genau zuhören, welche Vorschläge Ihre Tante macht. Vielleicht braucht sie eine Pause?
Ich selbst habe KEINEN aus meiner großen Verwandtschaft auf meiner Seite – und KEINEN meiner Jugendfreunde. Goethe hat einen wunderbaren Roman geschrieben: „Wahlverwandtschaften“ – der hilft bei solchen Übergängen. Sie haben nur eine Pflicht: Bleiben Sie mit sich selbst im Reinen. Nicht nur hat das letzte Hemd keine Taschen – auch das aktuelle Leben hat keine Garantie für Beziehungen. Sie können offenbleiben, gut kommunizieren wie Ihnen zumute ist: und geradeaus weitergehen.
Wenn Sie aber nicht mindestens zwei Menschen haben, denen Sie sich nahe fühlen und die dies erwidern, haben Sie selbst auch Fehler gemacht: keine politischen Fehler, sondern menschliche. Dann gilt es, das vorhandene Umfeld politisch schonungsvoller zu behandeln – und konzentriert nach Menschen in Ihrer Nähe Ausschau zu halten, die ähnlich denken wie Sie, Aktivisten. Die gibt es, mehr als Sie vielleicht denken! Ein wichtiger Rat, geradezu eine Aufforderung, ist seit Jahren: vernetzt Euch PERSÖNLICH – nicht nur über das Internet, das menschlich sehr trügerisch ist, gründet kleine Gruppen, in denen Ihr Euch regelmäßig und nicht zu selten trefft, euch intensiv austauscht, Dinge zusammen unternehmt – nicht zuletzt: Demos!  Widerstand ist schwierig – aber auch sehr erfüllend! Ich durfte wunderbare Menschen kennenlernen, daraus ist ein ganz neues Umfeld entstanden. Ehe und eigene Kinder helfen natürlich auch dabei.
Wenn Sie Ihr Umfeld für Sie positiv gestaltet haben – und können zurückhaltend sein bei Kontakten, die Ihre Ansichten nicht teilen, dann werden mache Ihrer alten Kontakte, sicher auch Familienmitglieder, vielleicht auch wieder Mut fassen, Sie zu treffen und mit Ihnen zu reden…
Ich werde Ihre Geschichte anonym veröffentlichen – und wichtige Spuren verschleiern. Niemand wird Sie erkennen. Damit jedoch haben Sie bereits vielen geholfen, denen es ähnlich ergeht. Das sind SEHR VIELE.
PS: Noch eine Bitte: Besorgen Sie sich dringend eine wasserdichte, notarielle Patientenverfügung.